Reisebericht: Frühling
- Joachim Milde
- 24. Apr.
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Stunde
INHALT
Im Nordsee gibt's Fischsuppe "La Mer", als Menü mit Cola und Garnelenstick für 13,99. Ich hätte sie auch für 18 bestellt, wenn der Fischer sie mit den Händen gefangen hätte, weil er sich den Dieselpreis nicht mehr leisten kann.
In der Halle des Frankfurter Hauptbahnhofs steht mein futschneues Flyer Upstreet, vollgepackt und ungesichert. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, als ich es aus den Augen verliere.. Wir beide sind viel zu früh dran. Die eingepreiste Karenzzeit zum ICE 1225 nach Wien war überflüssig und angstbesetzt. Die Sonne fällt durch das hohe Seitendachfenster und beleuchtet den Löffel in meiner Suppe. Pures Glück flutet die Schüssel. Ich habe Urlaub.

Eine Südländerin mit zwei kleinen Kindern wirft einen dunklen Schatten über Suppe und Fahrradhelm. Ich lege ihr meine beiden Toiletten - Euros in die ausgestreckte Hand. Sie bettelt weiter. Ich solle mitkommen, ihren Kindern am Imbissstand Essen kaufen. Ich lehne energisch ab. Undank ist der Welten Lohn. Kaum weg, kommt der Nächste. Ich fühle mich bedrängt, drehe mich weg ohne ihn anzuschauen. Auf einem leeren Bahnsteig suche ich mir einen sonnigen, ruhigen Platz. Gegenüber schaue ich in die lachenden Gesichter der Südländerin mit ihren Kindern. Sie gestikuliert inmitten ihrer Großfamilie. Eine Durchsage warnt vor Bettlergruppen und bittet um Vorsicht.
Ich reise erster Klasse. Mein Fahrrad liegt angekettet, zwei Wagen weiter. In Hanau überwältigt mich ein wolkenweiches Mittagsschläfchen. Selig schläft er, liegt zu Ruh...
Auf dem Vierer gegenüber, hat ein adrett gekleideter mittelalterlicher Schweizer mit weiblicher Entourage Platz genommen. Die beiden Damen haben einen unverkennbar badischen Akzent. Auf dem Tisch liegt eine adipöse Sonderausgabe der Zeit. Sie liegt da wie Blei. Labbern statt Lesen.

Ich bestelle Kaffee. Er kommt freundlich serviert, mit Zucker und Plätzchen. Ich döse weiter, döse weg. In Passau übernehmen die Österreicher den Zug. Der Schaffner kontrolliert die Fahrkarten und bleibt schließlich vor der eidgenössischen Dreiergruppe stehen. "Wenn sie mir sagen, wie der Fluss da draußen heißt, können Sie ihre ausgedruckten Fahrkarten stecken lassen." Die Donau, ertönt es mehrstimmig. "Falsch, es ist der Inn. Der Inn ist grün und die Donau blau. Letzte Chance. Durch wie viele Länder fließt die Donau?" Der Schweizer schaut sich hilfesuchend um. Ich halte ihm meine zehn ausgestreckten Finger hoch. Er sagt Zehn. "Und welche Länder sind das?" Die Schweitzer raten bevor sie kapitulieren.
Als der Klugscheißer mein Ticket sehen will, sage ich hm, dass er es nur zu sehen bekommt, wenn er weiß, wie der Rhein in Holland genannt wird. Der Schaffner zieht verächtlich die Oberlippe hoch und geht zum Nächsten.
In Linz kommt er zurück und tippt mir auf die Schulter. "Er teilt sich auf in drei Seitenarme. Der Waal ist der Wasserreichste."
Wien empfängt mich bei einbrechender Dunkelheit. Das Hotel Kaiser Franz Josef liegt im Norden der Stadt.
Donautage

Die schlechte Nachricht zuerst.
Der Wind bläst von vorn, aus West, stetig über Stunden mit 45 km/h. Die schmerzhafte physikalische Erkenntnis ist: Der Luftwiderstand wächst quadratisch zur Strömungsgeschwindigkeit.
Ich fahre 25 km/h, macht zusammen 70. Um die Leistung zu halten, steigt die benötigte Kraft sogar kubisch (hoch 3). 45km/h Gegenwind bedeuten eine physikalische Steigung von real fünf und gefühlt acht Prozent.
Meine beiden Akkus schmelzen wie Butter in der Sonne. Von Wien bis Melk sind es 110km. Auf den Letzten gibt es nur noch Muskeln, die für Vorschub sorgen.
Erkenntnis des ersten Tages:
In der Krise lernt man sich kennen.


Tag 2 ist eine Kopie des ersten. Wind- und Lautstärke dominieren. Ich blicke in die entgegenkommten strahlenden Gesichter, tiefenentspannter Radfahrer. Bis Enns an der Donau sind es knapp einhundert Kilometer. Den Unterschied machen die Pausen, der Grashalm im Mund, die Brotbüchse auf dem Steg und die Flieger am Himmel.
„Nichts schön‘res unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.“ Ingeborg Bachmann

Sehenswertes zwischen Wien und Linz



Das eindrucksvolle Nibelungen-Denkmal in Tulln, direkt an der Donauländle, markiert jenen historischen Ort, an dem laut dem berühmten Epos die Burgunderkönigin Kriemhild und der Hunnenkönig Etzel erstmals aufeinandertrafen. Kriemhild stimmte der Hochzeit nicht unbedingt aus Liebe zu Etzel zu. Nach der Ermordung ihres ersten Mannes Siegfried suchte sie nach politischer Macht und Verbündeten, um ihre Rache an ihren Verwandten und dem Mörder Hagen von Tronje vorzubereiten.



Ein Monument der Macht ist auch Stift Melk.
Historisch gesehen war das Stift nie nur ein religiöser Rückzugsort, sondern ein beinhartes Machtzentrum, das über Jahrhunderte durch Steuern und Abgaben der umliegenden Bauern finanziert wurde. Die Pracht ist somit auch ein steinernes Zeugnis feudaler Hierarchien, das heute hinter der Fassade des UNESCO-Welterbes glänzt. Wer die Stiftskirche betritt, wird von einer Welle aus Gold, Marmor und Fresken erschlagen. Kritisch betrachtet stellt sich mir die Frage, wie der asketische Leitspruch des Heiligen Benedikt „Ora et labora“ mit diesem fast schon aggressiven Zurschaustellen von Reichtum harmoniert. Auf mich wirkt es mehr wie ein imperialer Palast, als wie ein Ort der inneren Einkehr. Stift Melk ist eine Touristenfabrik die man gesehen haben muss. Mir hat der Garten gut gefallen.

Erkenntnis des Tages:
Innere Einkehr muss man sich leisten können.
Oberösterreich und Lipno-Talsperre
Es ist Windstill. Das blaue Band der Donau liegt uniformiert und glatt gezogen in ihrem Bettgestell. Heute biege ich nach Norden ab, klettere die Mittelgebirge Oberösterreichs hinauf, ins tschechische Lipno nad Vltavou an den Stausee.
Mein neues Freizeitgerät zeigt was es drauf hat. Der Pinion Motor legt sich kräftig ins Zeug. Der Fahrer krempelt die Ärmel hoch. Fahrstufe 3 von 4 reicht aus, um den Rennradfahrern die Laune zu vermasseln.


Ab der Grenze nach Tschechien wechselt die Landschaft ihr Outfit. Aus Kultur wird Natur. Fichte, Erle Birke, Feuchtwiesen, und Moore folgen aufeinander, dringen ineinander. Auf den letzten zwanzig Kilometern begegnet mir niemand mehr.
Das "Südböhmische Meer" ist Tchechiens größtes Gewässer mit 50 Quadratkilometern Fläche auf einer Höhe von 725m. Gebaut wurde es in den fünfziger Jahren als oberste Kaskadenstufe, um die Moldau einzuhegen und Prag vor Hochwasser zu schützen. Mehr als dreißig Dörfer und Siedlungen sind dem Bau zum Opfer gefallen. Das Kraftwerk selbst, befindet sich im Granit, hundertsechzig Meter unterhalb der Staumauer in einer riesigen Kaverne. Feinste Ingenieurskunst 🥰 .



Im Hotel Slunečná Louka wird mir der rote Teppich ausgerollt. Empfang auf dem Parkplatz, Schlüsselübergabe mit Bierschaum. Alles schick, alles fein und alles hat seinen Haken. Ich bin der einzige Gast im 4-Sterne Haus. Die Küche wird angeworfen, der Schlepplift hinauf zum Baumwipfelpfad, ebenso.
Heute früh ist der Tisch gedeckt. Ich esse, was ich schaffe. Alles Zuviel, findet Platz in meiner Brotbüchse.
Tausend Dank, ich komme gerne wieder. Am besten im Winter, dann wird der Lipno zum weltgrößten Schlittschuhparadies.


Natur überwindet Grenzen
Natur ist, wenn dich eine Feldlerche ein Stück weit begleitet, neben dir, mit dir fliegt. Wenn du ihrem Tirilieren lauscht, der sich mit dem Gurgeln und Plätschern der Bäche vereint. Natur ist, über Sonnenflecken auf den Wegen, durch glasklare Pfützen und über raschelnde Tannennadeln zu fahren, die den erdigen Duft des Morgens verströmen. Mein Gott ist das kitschig, mein Gott ist das schön.
Vom Lipno geht's in aller Früh durch drei Länder wieder hinab an die Donau, teils in langen und rasanten Schussfahrten. In Passau steige ich in die Bahn und reise noch eine Stunde gen Norden.


Erkenntnis des Tages: Kennenlernen ist eine geile Sache, wenn sich beide richtig in die Kurve legen.
Waldnaabtal
Dem neuen Tagesziel eilt eine alte Geschichte voraus. Fünfzehn Jahre ist es her, als ich auf Nahrungssuche unterwegs war und mit meinem Auto einen gesperrten Wanderweg ins Naturschutzgebiet Waldnaabtal befuhr. Auf halber Strecke kassierte mich der Förster ein.
Ich erklärte dem Herrn, dass ich der Sprengmeister auf der Raststätte Waldnaabtal sei und es ohne Essen nicht schaffe, auf den Knopf zu drücken. Er lud mich kurzerhand zum Vesper in die Blockhütte am Fluss ein. Zwei Wochen später, haben wir gemeinsam zahlreiche umsturzgefährdete uralte Bäume entlang des Wanderwegs gesprengt.
Schon damals war klar, dass ich irgendwann diesen Radweg fahren würde.

Tourstart ist in Weiden in der Oberpfalz.. Der Radweg geht über 83 Kilometer und endet in Silberhütte, nahe der Tschechischen Grenze..
Das Waldnaabtal ist ein ganz besonderer Ort mit einer spannenden geologischen Entwicklung. Der Besucher sieht Stapelsteine, die wie alte Matratzen unregelmäßig aufeinander geworfen wurden. Der Fachmann weiß um die Wollsackverwitterung des anstehenden Granits.
Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess ich nimmer.


Die Waldnaab entspringt im Grenzgebiet zum Oberpfälzer Wald und dem Fichtelgebirge, in Regionen mit vielen Hochmooren und dichten Waldböden. Die Quellen der Waldnaab funktionieren wie ein Teebeutel. Sie filtern kohlensäurehaltiges Wasser aus den Humusböden mit niedrigem ph-Wert. Diese leichte Säure dringt in die Klüfte und Spalten des Granits ein und verwandelt den harten Feldspat in weiche Tonminerale. Der Granit verwittert chemisch. Millionen Jahre später lässt sich seine Außenschale mit der Hand zerbröseln. Sein Kern bleibt hart und widerstandsfähig.
Sprengtechnisch ist diese Kombi eine echte Herausforderung.



Allen Freds, Willmas, Barnis, Bettys und Bam-Bams unter euch, ist das Naturschutzgebiet Waldnaabtal eine perfekt gestylte Grundschule, Spiel- und Märchenwiese.
Die bewirtschaftete Blockhütte lässt sich leicht zu Fuß erreichen. Vom Parkplatz der Autobahnabfahrt Windischeschenbach an der A93, ist es eine halbe Stunde.

Tirschenreuther Teichpfanne

Punkt 21 Uhr ist Anstoß im Hinspiel des Champions League Halbfinalspiels gegen PSG. Die Gastwirtschaft "Zur Post" im Kleinstädtchen Bärnau ist blutrot besetzt. Weißer Schaum in dicken Gläsern, dicht an dicht, Mia san Mia. Ich nicht, stelle ich klar. Ich bin Eintracht Fan. Der Hesse wird geduldet. Das 3:2 kurz vor der Pause dämpft die Stimmung.. „’s Spui is erst aus, wenn der Schiri pfeift.“. Ich halte degegen. Es wird so lange weitergespielt, bis die Bayern ihr Tor geschossen haben. Stille. Alle schauen mich an. Die nächste Runde geht auf mich.
5:4 verloren. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Ein dickes Kompliment an die Bayern!

Jeder zweite bayrische Silvesterkarpfen kommt aus der Oberpfalz., aus dem "Land der tausend Teiche". Aktuell sind es etwa zweitausendfünfhundert. Bereits vor rund 1.100 Jahren begannen die Zisterziensermönche des nahen Klosters Waldsassen damit, das dortige Sumpfgelände in flache Teiche umzuwandeln.. In der Blütezeit im 17. Jahrhundert verzeichneten die Chroniken unglaubliche 4.625 Teiche!
Die Bewirtschaftung erfolgt bis heute sehr traditionell und naturnah, meist im Nebenerwerb durch kleine Familienbetriebe.



Das Geheimnis der kerngesunden Karpfen aus der Tirschenreuther Teichpfanne liegt in seinem Wasser verborgen. Es speist sich aus dem gleichen "Teebeutel" des Humusbodens im Oberpfälzer Wald. Die Tirschenreuther Waldnaab ist der Hauptzufluss mit seinem leicht sauren ph-Wert zwischen 6,5 und 7. Die darin enthaltenen Huminstoffe wirken antibakteriell. Das macht die Karpfen robuster und widerstandsfähiger. Zudem verzeiht es eher kleine "Hygienefehler".

En Gude.
Es duftet lila

Es ist früh am Morgen am Ufer des Main. Es ist windstill und es duftet lila. Ein bisschen auch nach Honig, in jedem Fall würzig, elegant, wie ein schönes Stück Seife. Könnte man den Duft sichtbar machen, wäre er vermutlich eine Wolke aus feinstem Puder. Ich bin durchgefahren, habe umgedreht und bin nochmal durchgefahren. Betörend, kräftig, auffällig. So duftet der Flieder, so schmeckt der Frühling. Sobald Wind aufkommt, zerstäubt die pudrige Welt, verdünnt sich der Spaß.

Der markanteste Duft der Frühlings ist der Raps. Während der Flieder duftet, riecht der Raps. Man sieht das Feld noch nicht, riecht aber bereits seine Gegenwart. Raps ist rustikal, gewaltig und fast schon spürbar. Er riecht für mich nach Sonne, Kraut und Schwefel. Raps leuchtet, ist glotzig und gelb, dominant und glücklich.


Erkenntnis des Tages: .Rieche den Frühling bevor er verduftet.
Main-Spessart
Als ich vor gut einer Woche in Limburg in den Zug gestiegen bin, hat zeitgleich das Omega-Hoch "Quinn" die Regentschaft über das Wetter Mitteleuropas übernommen. Seine starke Blockadehaltung gegenüber dem Tief über dem Westatlantik und dem über Osteuropa, hat mir neun fette Sonnentage beschert.

Die vorletzte Nacht meiner Kennenlerntour habe ich in Schneewittchens Heimatstadt, Lohr am Main, verbracht. Maria von Erdtal, 1725 im Lohrer Schloss geboren, weist viele Parallelen zur Märchenfigur auf, inklusive einer bösen Schwiegermutter mit einer eigenen Spiegel-Manufaktur. ."Amour Propre", die Eigenliebe,, ist als Inschrift iin den Rahmen des sprechenden Spiegels graviert.
Ab Lohr am Main, dem "Tor zum Spessart" geht's tüchtig bergauf. Schönheit und Eigenliebe hilft an den Steigungsstrecken nicht unbedingt weiter.

Auf dem Main-Radweg zwischen Aschaffenburg, Seligenstadt, Offenbach und Frankfurt steppt der Bär. Die Unterfranken und Hessen nehmen den 1. Mai als Feiertag ernst und wörtlich. Weite Strecken entlang des Flusses sind eine einzige Partymeile. Sonnenverwöhnt haben die Leute ihr stetes Gejammer über die Verhältnisse und Zustände vom Staat im Staate, schlechterdings vergessen oder im Alkohol versenkt. Ihre gute Laune braucht Platz auf fünfzig Kilometern Asphaltstreifen, Liegewiesen, Wolldecken und Campingstühlen. Vor lauter Eigenliebe ist kaum ein Durchkommen. Es dauert Stunden um Frankfurt zu erreichen.

Dort angekommen, ist die Innenstadt gesperrt. Der Radklassiker Eschborn - Frankfurt erwartet die Zielankunft. Ich bin dabei, pünktlich auf die Minute. Der deutsche Meister, Georg Zimmermann hat es tatsächlich als Erster über den Zielstrich an der Alten Oper geschafft. Herzlichen Glückwunsch!

Zum Abschluss der Kennenlerntour mit meinem Flyer Upstreet, habe ich passend im gläsernen blauen Rad an der A66 eingecheckt. Die Architektur des Radisson BLU von innen zu sehen und zu erleben scheint mir der krönende Abschluss zu sein.
Wir sind einander näher gekommen, und ja, wir sind jetzt ein Paar.

Ich sitze an der Fensterfront im 15. Stock mit Blick auf die Südstadt und den Flughafen. Leuchtende Punkte starten und landen im letzten Licht der untergehenden Sonne. Während dessen erscheinen die letzten Buchstaben im Tagebuch.
Mit der morgigen Etappe endet die Frühlingsreise nach gut 800 Kilometern auf dem Schotterweg der Champs-Élysées in den Westerwald.










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