Adipos-ich-das?
- Joachim Milde
- 21. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Das Gedankenexperiment
Wir stehen dicht an dicht am verzinkten Geländer im Oberrang des Deutsche-Bank-Parks. Die Hütte ist gebrochen voll. Ausverkauft, steht auf der Anzeigetafel. 55.000 sind gekommen. Die Sonne brennt, das Bier kostet 7,50 und die Schlange vorm Ausschank nimmt kein Ende. Der Mann trägt bauchfrei., die Frau zeigt Oberschenkel. Die Eintracht führt, es steppt der Bär und es riecht nach nassem Hund.
Mein Hirn rechnet die wippenden Massen der Fangemeinde proportional in Elefanten um.
Nimmt man das tatsächliche Durchschnittsgewicht der Deutschen und zieht das statistische Idealgewicht davon ab, schleppt jeder Erwachsene im Schnitt einen Rucksack mit 6,7 kg Fettgewebe mit sich herum. Trägt die Frau den Rucksack nach vorne, hat der Mann seine Freude daran.
Ich rechne und Ansgar zimmert den Ball aus sechzehn Metern über die Latte. 55.000 Fans x 6,7 kg überschüssiges Fettgewebe = 368.500 kg, also 368 Tonnen "Zuviel des Guten"
Das schwerste Säugetier der Erde ist der afrikanische Steppenelefant. Er wiegt im Schnitt 6t. Im Kopf teile ich das Übergewicht des Stadions durch das Gewicht eines einzigen Elefanten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Mein Hirn materialisiert den Masseüberschuss der Fans von den Tribünen auf den Rasen und schon marschieren 61 ausgewachsene Elefanten vor dem inneren Auge um den Mittelkreis.

Es ist Halbzeit. Die längste Schlange windet sich jetzt vor den Toilettentüren. Ich habe Zeit und Google erklärt mir, dass rund 60 % bis 67 % der Männer übergewichtig oder adipös sein sollen.
Bei den Frauen seien es zwischen 46 % bis 53 %.
Als Ossi geboren, lese ich, dass wir mit 58,4% um 2% dicker sind als die Wessis und das man im Alter generell an Gewicht zulegt
Glück gehabt, denke ich. Wurde ich doch als Spargel geboren und konnte mich mit sechzehn noch hinter einem Besenstiel umziehen. Ich lese weiter. Die Gründe seien vielfaltig und teilweise abhängig von Einkommen und Bildung. Die Landeier seien dicker und führen die Statistik an. Sie hocken zu viel und zu lange in ihren Autos, verpesten die Umwelt, weil Arbeit, Arzt und Supermarkt weit weg sind. Was ein Nonsens, wir Dörfler kommen auf dem Weg nach Hause an drei Metzgern und zwei Flaschenbierhandlungen direkt vorbei. Diese Städter haben keine Ahnung von Lebenskultur.
Wenn der Grill im Garten brennt, der Nachbar dem Bratwurstduft folgt und eine Plastiktüte Bier über den Zaun reicht, macht der Städter wahrscheinlich die Fenster zu, weil es nach Kohlengas riecht.
Es gleicht einem ästhetischen Rubens, wenn Bauchscheiben, Bratwürste und marinierte Nackensteaks im goldenen Schnitt auf glühender Holzkohle die Farbe wechseln. Satt macht schön und glücklich.
Der Städter brät wohl frischen Fisch, hochwertiges Gemüse oder irgendwelche Früchte. Auf deren Balkonen glüht dann wahrscheinlich der ökozertifizierte Maiskolben neben dem Tofu-Spieß.

Grillen ist und bleibt eine liebevoll gestimmte Geisteshaltung. Wenn die Geranien gegossen und der Rasen gemäht, wird es Zeit für ein Feierabendbier in guter Gesellschaft.
Als Kind wurde uns beigebracht: "Sieben Bier sind auch eine Mahlzeit". Laut Google weiß ich jetzt, dass das nicht ganz stimmt. Sieben Bier decken mit 1470 Kalorien bereits den Bedarf von zwei Mahlzeiten. Ein klassisches Pils 0,5 habe 210 kcal. Nach 7 Kronkorken im Aschenbecher, seihen 70% des Tagesbedarfs an Kalorien gedeckelt. Das macht mich schon nachdenklich.
Ich bin am Kopf der Pausenschlange angelangt, reiche für meine vier Halben dreißig Ocken über die Theke und steige die Betonstufen hoch in den Oberrang. Wir führen 2:0. Die Investition hat sich gelohnt.
Body-Mass-Index hin oder her, ungefähr ein Viertel der Erwachsenen leide unter chronischer Adipositas mit einem BMI größer 30. Ich lese weiter. Mit 63 Milliarden Euro pro Jahr sei die Fettleibigkeit volkswirtschaftlich sogar teurer als die Folgen des Rauchens.

Seit Aristoteles wissen wir, dass an jeder neuen Generation kein gutes Haar mehr ist. Sie ist faul, respektlos und dödelt den ganzen Tag auf teuren Handys rum. Kein Wunder, wenn sie immer dicker wird. Besonders besorgniserregend sei der Trend, dass Übergewicht im Kindesalter sehr oft bis ins Erwachsenenleben hinein fortbestehe. Etwa jedes sechste Kind im Alter von 3 bis 17 Jahren gelte als übergewichtig.
Ungefähr 6 % davon wiesen bereits eine ausgeprägte Adipositas auf. Google hat auch nur noch schlechte Nachrichten parat.
Nach sechzig Minuten steht es 3:2 für die anderen. Jonny Burkard humpelt verletzt vom Platz.
Ich denke, dass sich ein gesellschaftliches Problem nicht mit prophetischen Ratschlägen lösen lässt. Der Betroffene hat es schwer genug mit den Folgen klarzukommen. Von der Industrie ist freiwillig keine Abhilfe zu erwarten. Sie will Geld verdienen mit Diäten, Zucker, Fett und Alkohol, mit Hilfsmitteln und Pharmaprodukten. Das ist ihr Recht und ihre verdammte Pflicht.
Vielleicht sollte man Werbung für Kinder einführen. Verbote ungesunder Lebensmittel in sozialen Medien anprangern und einstreuen.
Vielleicht sollte die Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse abgeschafft werden.
Vielleicht sollte die Attraktivität des Landlebens gestärkt und auf ein neues Niveau gehoben werden.
Mit 4:3 im Siegesglück
Ersäuft die Scham im Fußballglück
Der Bierbauch wippt, die Brüste beben
Der Fan genießt sein schönes Leben.
Ob Elefant, ob Kitz, ob Reh,
Die Eintracht lebt, schwarzweiß wie Schnee

Gude










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