80er live
- Joachim Milde
- vor 4 Tagen
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Der erste Satz von Peter Illmann, dem einstigen Moderator der Chartshow „Formel Eins“, war zugleich der eindrucksvollste.
"Schön dass ihr alle da seid. Ihr habt euch kein bisschen verändert."

Achtundzwanziigtausend zwischen Vierzig und Achtzig haben sich auf den Weg ins Waldstadion gemacht um ihre Musik noch einmal live zu erleben. Ganz unten im Schrank fanden sich meist noch paar Klamotten aus der Jugendzeit. Was noch oder wieder passt, wurde angezogen, neu gekauft oder ausgeliehen. Identität ist eine Marke. Die Liste der Künstler zwischen 17Uhr und Mittnacht war ein einziges Versprechen und dennoch hatte ich erstmal mit mir selbst zu tun. Ich weiß nicht, wie es anderen ging, Peters Illmanns erster Satz hatte eingeschlagen. Die Natur ist erbarmungslos, spielerisch brutal indem was sie aus und mit uns macht. Was wir selbst dazu beitragen, von Schönheit und Form Abschied zu nehmen, Abstand zu bekommen. Ich staune über das, was sie anrichtet, wie sie Proportionen verschiebt und uns immer weiter von dem entfernt, was wir von uns selbst erwarten und erhoffen. Am Besten sind jene dran, die ihr Herz auf der Zunge tragen, ihre Gefühle zeigen können. Ihr Verfall fühlt sich leichter an. Schmerzhafte Züge um Mund und Nase nehmen an ihren Enden einen leichten Aufwärtsbogen zum Besseren, Beschwingteren hin. Erst wenn sie innehalten, kehrt die Wahrheit in ihre Gesichter zurück.

Das Bier wird im Innenraum an lange Schlangen verteilt, die sich in den Pausen vor den Toiletten wiederfinden. Die robusteren unter den Frauen wagen sich auf die Männerklos.
Kim Wild kämpft mit dem Reißverschluss ihrer Korsage. "Kids in Amerika! kommt super gut an. Alphaville heizt ein mit ihrem "Big in Japan". Die Meute ist intuitiv textsicher wie bei den Kinderliedern unterm Weihnachtsbaum. Auf den Leinwänden laufen die alten Videos mit. Ein Whiskey schlürfender Tony Hadley performt grandios in feinem Zwirn und fetter Manier.

Für den Eklat des Abend sorgt der Brite Boy George. Er schockiert seine Fans, als er sich nach „It’s A Miracle“ im Song "Time" von der Bühne stiehlt. Mitten im Lied bricht er seine Band abrupt ab, geht alleine nach vorne und singt noch einen halben Meter a capella weiter. "Thank you und Good Night". Daraufhin erntet er Pfiffe und Buhrufe wie bei einem groben Faulspiel gegen die Eintracht. Wut kocht unter dem Stadiondach und bringt ihn nicht wieder zurück. Illmann versucht zu beschwichtigen, zu entschuldigen. Die Sache hat einen Haken, einen Hintergrund. Der Sänger steht derzeit mitten in einem gewaltigen Shitstorm, der offensichtlich auch das Publikum in Hessens schönster Wohnstube gespalten hat. Vor wenigen Wochen hat Boy George einen Reggae-Song mit dem Titel "We Will Dance Again" veröffentlicht, In dem Lied bekundet er offene Solidarität mit Israel und erinnert an die Opfer des Hamas-Angriffs auf das Supernova-Musikfestival am 7. Oktober 2023. Er singt darin unter anderem, die Opfer seien "für das Verbrechen des Tanzens" ermordet worden, und kritisiert die "selektive Erinnerung" seiner Gegner.
Die Anfeindungen waren in den letzten Tagen so massiv, dass Boy George sogar ein großes Theater-Engagement absagen musste. Er hätte eigentlich genau jetzt, vom 3. bis 15. August 2026, in London im Musical Jesus Christ Superstar die Rolle des König Herodes spielen sollen.
Boy George weigert sich jedoch, klein beizugeben. Auf Social Media positioniert er sich weiterhin offensiv gegen Antisemitismus und kommentiert den Gegenwind trotzig mit den Worten: "Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen"
Das gefällt nicht jedem.
Es folgt eine lange Bierpause. bis Holly Johnson die Bühne betritt. Holly legt sich ins Zeug. Mit "Welcome To The Pleasuredome“, „Two Tribes“ und „Americanos“ holt er die angekratzten Fans wieder ab. Die Meute folgt seinem Aufruf zur "The Power of Love". Der letzte Titel versöhnt. Liebe ist ein Universum. Neun Stunden Bier, Beine und Bewegung, versuppte Shirts, strahlende Gesichter in alkoholisierten Gemütern, klebrige Haare und Blasen an den Füßen. Zumindest da, haben wir uns kein bisschen verändert.








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