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Rhöner Jungs

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Der Rhöner 2.0

Beitrag: Blog2 Post

Die Rhöner in Annecy

Aktualisiert: 19. Juni


Ankommen im Savoy


Schafskälte in Deutschland, einstellige Temperaturen, Dauerregen im Stimmungsgrau. Die Rhöner Herde errichtet sich ein Base Camp in den Savoyer Alpen am Lac Annecy. Anders als sonst, gibt es diesmal keine Langstreckenfahrt mit Start und Ziel. Annecy wird Ausgangs- und Endpunkt aufeinander folgender Tagesetappen. Was wir uns im Winter vollmundig vor dem Ofen versprochen haben, soll nun schonungslos eingelöst werden. "Wir fahren die Tour de France Pässe in den Savoyer Alpen rauf und runter."

Selbst die 14-Tage Vorhersage gibt ein Schönwetterversprechen ab.



Ich bin einen Tag zu früh dran. Mein letzte Termin vor der Tour, liegt auf der Strecke gen Süden. Der Bruchwandlaser wird neben dem beladenen Fahrradträger aufgebaut. Es regnet hinter die Brille. Schön ist das nicht.

Das Base Camp meldet sich per Mail. Unser Account wurde gehackt. WhatsApp bombardiert mein Handy mit Forderungen zur Anmeldung und Zahlung. Ignorieren, Löschen, Sperren. Dinge die die Welt nicht braucht.

Die Ferienanlage Pré du Lac hat eine deutsch sprechende Empfangsdame. Die junge Frau regelt was es regeln gibt. Ich kann bleiben, zahle einen Aufschlag und richte mich ein.



Die Neugierde ist groß. Eine Stunde später rollt mein Flyer über den Asphalt entlang des Westufers. Ich folge dem Schild 'Col de Forclaz' und schon geht es bergauf. Enge Serpentinen winden sich hinauf durch eine bewaldete Schlucht, teilen sich den Weg mit einem Bachlauf, mal knackig, mal luftig. Es ist später Nachmittag, die Welt liegt glutrot im tiefen Halbschatten. Ich habe Bock und Zeit, trete einfach weiter und weiter und schließlich bin ich oben.

Brutal schön.


Ab Mittag des regulären Anreisetags treffen die Jungs ein. Mit dem Flieger bis Genf, mit Bus nach Annecy, mit dem Auto, mit dem Wohnmobil. Zuerst eine Einrollrunde, was sonst, am Strand entlang, ins Wasser, durch die Stadt, an die Bar.




Ankommen ist nicht einfach. Die Last des Alltags wiegt schwer. Am Abend sitzen wir in Frankreich um die Kühlbox mit Bier und Bratwurst von daheim.


Petit Dejeuner


Der nächste Morgen. Petit Dejeuner trifft auf Rhöner Kohldampf. Dabei hatte ich die Jungs vorgewarnt. Die Erwartungen an das Frühstück konterkarieren die Realität. Zwei Sorten Wurst, Käse, Pfannkuchenteig und rohe Eier. Eine heiße Platte für Pancake, eine für Rühr- oder Spiegelei. Das ultimative Survival für den Rhöner Gaumen. Hungersnot gleich Leistungstod. Panikfinger fischen beim Gehen Baguettestangen aus dem Brotkorb. Unterwegs gibt's die geliebten Knacker aus Stedtlingen zum Baguette als Beiwerk.



Der Col de Forclaz ist ein alter Bekannter der Tour de France. Die Erzählung meines gestrigen Aufstiegs ist das Streichholz für leicht entflammbare Motivation. Die Truppe brennt wie Zunder und ich genieße meinen kleinen Heimvorteil, weiß, wann ich wo wieviel investieren muss, um vorne mitzufahren. Schneller treten, wenn die Wade brennt. Die Rhöner sind verdammt zähe Burschen.



Oben angekommen, versperren Schweißrinnsale die Sicht durch die Brille. Dann der freie Blick über das Tal, die Berge, den See. Annecy ist ein Eldorado für Gleitschirmflieger. Der Himmel ist schon am Morgen voll bunter Schirme. Die Sonne heizt rasch die umliegenden Kalkstein Felsen des Massiv der Tournette auf. Dadurch entsteht ein konstanter, verlässlicher Talwind mit idealen Start - und Landebedingungen.

Bier und noch ein Bier und ja, die Rhöner sind hier.

Der Anfang ist gemacht, ein guter deutscher Tag. Wir gewinnen das Auftaktspiel gegen Curaçao mit 7:1.



Attacke


Neuer Tag, neues Glück. Halb Acht stehen die Jungs an der Eierschale und rühren aus dem Handgelenk. Drei bis fünf Eier, mit Salz und Pfeffer, gebratenem Schinken und Kaffee Americano. Geht doch. Anpassung ist Evolution.



Das nächste Tour de France-Häppchen steht auf der Menükarte. Der Col de Croix-Fry führt in schier endlosen Schleifen auf 1.467m Passhöhe. Bei strahlendem Sonnenschein streben die Jungs dem wolkenlosem Himmel entgegen.



Das Akkordeon zieht sich auseinander, jeder klettert in seinem ureigenen Tempo das Aravis-Massiv hinauf. Bei Kilometer 39 wissen wir, warum wir hier sind. Die Schinderei macht glücklich. Die perfekte Mischung aus brennenden Oberschenkeln und alpinem Lifestyle in bunten Liegestühlen auf einer Holzterasse, finden wir im Garagen-Café-Vibe. Der Ort ist Traumkulisse für die Sinne. Der Blick streicht über grüne Almwiesen zu schneebedeckten Bergen. Kuhglocken läuten, es duftet tatsächlich irre nach frischem Heu. Heißer Kaffee tropft auf den Oberschenkel. Es brennt, nur anders, schöner.



Komoot ist nicht ganz dicht. Die "Gravel-Bike Abfahrt"" vom Plateau in den Talort nach Thônes ist eine zehn Kilometer lange, brutal halsbrecherische Schotterpiste. Unter normalen Umständen willst du da nicht mal runter laufen. Nur, nach halber Strecke gibt es kein Zurück mehr. Mit teils stehenden Rädern bei 23% Gefälle rutscht die Truppe über ein Meer aus Schotter und Geröll talwärts.

Was soll's, geht trotzdem, irgendwie. Wir sind nicht nur hier um eine ruhige Kugel zu schieben.




Wissenschaft und Technik: Die Sanduhr auf zwei Rädern



Die Rhöner Jungs sehen sich wiederholt einem physikalischen Phänomen ausgesetzt, der Sanduhr auf zwei Rädern. Sie ist bekannt als flüchtiges Naturerereignis. Sie taucht unvermittelt vor dir auf, nimmt den Weg durch dein Auge und streut Sand hinein. Dabei handelt es sich um das aerodynamische Prinzip der doppelnden Einschnürung.

Wenn Fahrtwind an einer Sanduhr vor dir vorbei strömt, kommt dieser im Zentrum der oberen wie unteren Rundungen zum Stillstand. Hier entsteht der höchste statische Staudruck. Erreicht die Strömung den schmalsten Punkt der Taille, passiert etwas Paradoxes, dass ganz von der Geometrie abhängt. Luft hat das Bestreben, einer gekrümmten Oberfläche zu folgen.

Dadurch entsteht in der Senke der Taille ein Unterdruckgebiet, das den nachfolgenden Fahrer ansaugt. Es bilden sich stehende oder rotierende Wirbel, die durch das Auge eindringen und Sandstürme auslösen können.

Bei höheren Fahrgeschwindigkeiten kommt es rasch zum Strömungsabriss.



Zuckerhut und Zipfelmütze


Die Rhöner haben mich überholt. Diese Kerle sind in meine Domäne des Frühaufstehers eingebrochen. Es ist keine halbacht und die Meute hockt geschlossen am Frühstückstisch.


Der heutige Aufstieg braucht ein Ei mehr in der Pfanne. Von unserem Base Camp in Saint-Jorioz geht's ohne Einrollen sofort in den Hang. Wir folgen einer schmale Kreisstraße in die Berge des Regionalen Naturparks Massif des Bauges. Die Route führt vorbei an markanten Gipfeln wie Crêt de Bénévent, Crêt de Tertère, und schließlich zum Crêt de Châtillon, der mit 1702 Metern der höchste Punkt der Tagesetappe ist. Auf den 25 Kilometern nach oben gibt es nahezu kein Stück ohne Steigung. Dafür geht's recht gleichmäßig mit 4 bis 9% ohne besondere Überraschungen gut voran. Jeder Kurve folgt der nächste Anstieg. Mit jedem Meter wächst du ein Stück über dich hinaus. Eine gute Übung für das wahre Leben. Wer länger durchhält, bekommt das beste Stück Kuchen aus der Mitte, ohne Rinde mit viel drauf.



Wie beschreibt man etwas, vor dem man nur ehrfürchtig stehen, sehen und staunen kann? In exakt 69 Kilometer vor uns, ragt der weiße Gipfel des Mont Blanc in tiefes dunkles Blau. Wolkenfetzen streichen ihm wie Feenwesen um Kopf und Bart, als Zuckerhut und Zipfelmütze. Zum Greifen nah und unerreichbar schön, zum Heulen schön.

Für die Abfahrt nach Annecy braucht es ein großes weites Herz. Es werden Geschwindigkeiten von knapp 70km/h erreicht. Einfädeln in enge Haarnadelkurven, herausbeschleunigen, klein machen hinter dem Lenker, bremsen auf den letzten Pfiff, volle Konzentration und Kontrolle. Das willst du, das bist du, was eine geile Scheiße.



Annecy, das Venedig der Alpen. Die Altstadt lebt ihren Charme der Jahrhunderte. Kanäle teilen, Brücken verbinden, Blumenkästen spalieren das Gewusel in den Gässchen. Geschäfte. Cafés und Restaurants reihen sich wie eine Perlenkette aneinander. Katzen putzen sich in der Sonne, Spatzen prügeln sich um Kuchenreste. Rhöner Jungs bestellen sich Forellenfilets in Krautroulade Ein besonderes Highlight ist das Palais de l'Isle, eine ehemalige Festung und Gefängnis, das auf einer Insel im Fluss Thiou liegt.

Leben sorglos, so fühlt es sich an.



Abschied


Der letzte Tag, eine letzte Runde um den See. Die vierzig Kilometer haben nichts Anstrengendes. Einzig, das Gewissen plagt, noch kein Mitbringsel gekauft zu haben. Die Jungs verschwinden in Geschäften, kommen achselzuckend zurück. Der Nachmittag wird bierchenschlürfend ausgebaumelt.

Morgen in der Früh geht's zurück...



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